Klaus Reichert & Michael Walther: Lewis Carroll „Sylvie und Bruno“ — 15. Januar 2008

„Es gibt Bücher, die sind zu gut für diese Welt. So zumindest scheint es sich mit Lewis Carrolls Sylvie und Bruno zu verhalten ... Dabei ist Carrolls letztes Werk ebenso amüsant wie seine berühmten Vorläufer. In der Frankfurter Romanfabrik stellte Klaus Reichert zusammen mit dem Übersetzer Michael Walther nun die im vergangenen Jahr bei dtv erschienene Ausgabe des Buches vor ... Dabei bieten die Geschichten aus „Absonderland“ genau das, was die Anhänger der „Alice“-Bücher lieben – eine absurde und sehr witzige Logik des sprachlichen und gedanklichen Spiels. Sylvie und Bruno hat die Aufmerksamkeit aller Leser verdient, die nichts gegen Verschrobenheit haben und wieder einmal herzlich lachen wollen.“

Frankfurter Rundschau, 17. Januar 2008


Heinz Sauer & Michael Wollny — 17. Januar 2008

„Bei Sauer und Wollny gibt es keine Geschwindigkeitsrekorde, keinen virtuosen Leerlauf, vor allem aber keine Geschwätzigkeit. Selbst Wollnys weitschweifigste Klaviereinleitung wird eingefangen von der epigrammatischen Dichte von Heinz Sauers Saxophonspiel. Überhaupt Sauer! Was man immer schon ahnte und spürte, wird allmählich zur Gewissheit ... ein unverwechselbarer Solitär. In jedem Ton hört man den Skrupel eines hochsensiblen Geistes, der selbst in der Blitzgeschwindigkeit einer Improvisation noch Zeit findet, jedes Klangsignal hin und her zu wenden, bevor es wert erachtet wird, den Schalltrichter des Instruments zu verlassen ... Zum wunderbaren Ereignis, zur extremen Kletterpartie auf den Gipfel der Kunst aber wird Sauers Klangästhetik vor allem im Zusammenspiel mit dem stilistisch vordergründig so anders geprägten Michael Wollny, der ein wahres Trommelfeuer an perkussivem Klavierspiel entfacht, zugleich aber auch die Innereien des Flügels zu impressionistischem Flirren nutzt. Bisweilen befreit er die Saiten von der Dämpfung, um die Phrasen Sauers wie ein Echo aus Obertönen dem Flügel zu entlocken. Man kann es als musikalische Verbeugung eines jungen Künstlers vor der gigantischen Leistung eines genialen Veteranen deuten. Und als I-Tüpfelchen auf einem grandiosen Konzert.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Januar 2008


Michael Kleeberg: Karlmann — 22. Januar 2008

„In fünf langen Episoden entwirft Kleeberg, als Übersetzer an Proust geschult an der episch breiten Erzählkunst, ein Portrait der Generation der 40-jährigen bis in die späten Achtzigerjahre hinein ... Ein Gesellschaftsroman im ganz großen Stil ist Karlmann letztendlich geworden.“

Frankfurter Rundschau, 22. Januar 2008


Georg M. Oswald: „Vom Geist der Gesetze“ — 12. Februar 2008

„Die Erfahrung, die Lew Tolstoi beim Schreiben von „Anna Karenina“ machte, ist auch Georg M. Oswald zugestoßen. Tolstoi begann die Arbeit an seinem Roman in der festen Absicht, mit dessen ehebrecherischer Heldin scharf ins Gericht zu gehen. Im Laufe der Niederschrift des Buches wuchs ihm die Gestalt, die er nur zu dem Zweck erfunden hatte, ihre Moral zu verdammen, dann so sehr ans Herz, daß sie ihm zunächst gegen den eigenen Willen, immer vielschichtiger und menschlicher geriet. Manchmal macht das Schreiben eben nicht nur die Figuren des Textes, sondern auch deren Autoren human. Georg M. Oswald, Tolstois 1963 in München geborener deutscher Kollege, untersucht, was gerade falsch läuft in Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung, genauso gerne wie der barmherzige russische Moralist... „Es hat sich beim Schreiben ergeben, daß auch er [Schellenbaum, der Held des Romans] ein Geschlagener ist.“ Gerne läßt der Leser daher Gnade vor Recht ergehen.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Februar 2008


Triosence: when you come home — 20. März 2008

„Was die drei von triosence in der Frankfurter Romanfabrik spielen, das ist eleganter Wohfühljazz, der sich an den elegischen Kompositionen eines Bill Evans orientiert, aber auch all das kann, was den zeitgenössischen europäischen Jazz prägt: Melodiöse Themen werden gerne kombiniert mit weltmusikalischen Themen und einem federnden Rhythmus. Jazztradition und Blueserbe verschmilzt triosence zu poppig kurzen, ausgefeilten Stücken, die auch die Verwandtschaft mit Bands wie Steely Dan und Weather Report nicht leugnen. Eine auf Anhieb packende Musik, die auch ihre sentimentalen Momente hat, um dann wieder luftig auszumarschieren. Diese Anverwandlungen des klassischen Jazz lockt offenkundig ein Publikum weit über den gewieften Clubgänger hinaus ...“

Frankfurter Rundschau, 25. März 2008


Edgar Hilsenrath: Werklesung — 18. März 2008

„Es raucht! Und das auf der Bühne der Frankfurter Romanfabrik, an jenem Ort, wo rundherum an den Wänden Porträtfotos von Schriftstellern mit Zigarette aufgehängt sind, darüber jeweils in ironischer Übertreibung ein Nichtrauchersymbol. Das schert Edgar Hilsenrath jedoch wenig. Man wird nicht 81 Jahre alt und steht das durch, was Hilsenrath durchgestanden hat, um sich dann von wem auch immer die Zigarette verbieten zu lassen ... Zum Raucher wurde Hilsenrath übrigens im Ghetto. Nachdem er kurz zuvor dem Tod entronnen war, bekam er eine Zigarette angeboten, die zweite und beste seines Lebens.“

Frankfurter Rundschau, 20. März 2008

„Der Abend ist ein Gang durch Edgar Hilsenraths Jahrhundert, ein Selbstportrait in Adressen, die meisten von ihnen unter Zwang gewählt ... Der Verleger Volker Dittrich begleitet diesen absonderlichen, lebensgefährlichen Weg mit Passagen aus Hilenraths Gettobuch Nacht (1964), aus seinen ostjüdischen Erinnerungen der meist autobiographischen Romane oder der berühmt gewordenen Satire Der Nazi und der Friseur von 1977 ... Edgar Hilsenrath liest selbst nur drei kurze Texte, antwortet dafür aber ausgiebig mit seiner kleinen, leisen Stimme auf Dittrichs Fragen. „Wir sollten ja erschossen werden“, sagt Hilsenrath. Und: „Halle war eine richtige Nazistadt.“ Und: „Ich ging durch ganz Bessarabien zu Fuß.“ Mitteleuropäische Landschaften, die kaum jemand noch auf der Karte findet, weil sie der Krieg und der Holocaust zerstörten, hat Hilsenrath abgemessen und durchbuchstabiert. Es gibt nicht mehr viele Menschen, denen man dabei zuhören kann, wie sie aus der Bukowina erzählen: jener Gegend, von der Paul Celan gesagt hat, daß in ihr Menschen und Bücher lebten.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. März 2008


Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Bücher — 3. April 2008

„’Die Bibliothek der verlorenen Bücher’ (Aufbau-Verlag) heißt Pechmanns Buch, das er in der Frankfurter Romanfabrik vorstellte, ein Buch, wie er betonte, ’ohne Skrupel und bildungsbürgerliches Anliegen’. Es führt, wie Romanfabrik-Leiter Michael Hohmann bemerkte, in eine ’tiefe Welt der Bücherverrückten’, in das Zwischenreich von gesicherter Erkenntnis und Spekulation: verschollene Mauskripte berühmter Autoren; Bücher, die in anderen Büchern erwähnt werden. Es ist die große Faszination der Bibliophilen, diese Bücher im Gespräch zu halten. „

Frankfurter Rundschau, 5. April 2008


Karl Meyer: Die Kunst der stilvollen Selbstbereicherung — 8. April 2008

„Interessant, dass rund 20 Neugierige zu einer Lesung kamen, dessen Autor (noch) ein No-Name ist. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Applaus erhielt Jochen Nix zu Recht, denn sein kurzfristiger Einsatz und seine Vortragstechnik waren es wert.“

Bornheimer Wochenblatt, 17. April 2008


Jan Sibelink, Im Garten des Vaters — 15. April 2008

„’Im Garten des Vaters’, der Roman des 1938 geborenen niederländischen Autors Jan Siebelink, war in seiner Heimat mit rund 600000 verkauften Exemplaren der erfolgreichste Roman der Nachkriegsgeschichte — angesichts der düsteren Geschichte ein durchaus verwunderlicher Umstand... „

Frankfurter Rundschau, 17. April 2008

„...fragt man sich, was die Niederländer in Zeiten eines in Zeiten eines nahezu gescheiterten interreligiösen Dialogs mit dem Islam an diesem Buch fasziniert. Der Sog der kunstvoll aufgebauten Spannung, der den Leser unwiderstehlich in den Erzählduktus zieht? Das Identifikationsangebot der calvinistischen Tradition in einem liberalen Vorzeigeland? Oder das Motto, mit dem der Autor sich auf das Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief bezieht, wo auch zu lesen ist: ’Sie eifert nicht.’ Sibelink hat ein Buch über die Liebe geschrieben — ex negativo.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2008


Jani Virk & Jáchym Topol — 27. Mai 2008

„...Im Rahmen der EZB-Kulturtage stellten sich abermals zwei Schriftsteller unter dem Motto ’Kleine Sprachen – Große Literaturen’ vor. Neben dem sympathischen Sponti Topol empfahl sich in der Frankfurter Romanfabrik der stillere slowenische Autor Jani Virk mit seinem Roman ’Sergijs letzte Versuchung’ ... Ihre Bücher beweisen jedenfalls, daß sie mehr vom östlichen und südöstlichen Mitteleuropa wissen als wir. Vielleicht schwindet mit der Lektüre ja die Angst vor dem Unbekannten jenseits der Oder und der Drau.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Mai 2008


Künstlerfreundschaften: Eva Demski, Mischka Popp & Thomas Bergmann — 4. Juni 2006

„...Heute hat der Dokumentarfilm kaum mehr Raum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und angesichts des Abends konnte man das wieder einmal herzlich bedauern. ’Künstlerfreundschaften’ heißt die lockere Reihe der Romanfabrik, für die deren Leiter Michael Hohmann nun Demski als Gastgeberin gewinnen konnte. Freundschaften zwischen Künstlern seien wie Pilze im Wald: man sehe sich nicht immer, sei aber durch ein unterirdisches Myzel verbunden, sagte Demski...“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2008


Feridun Zaimoglu, Liebesbrand — 10. Juni 2008

„...Zaimoglu hat das innere Lodern der Sufis und Troubadore, die Erotik des Hoheliedes und den Juan de la Cruz im Pathos seiner eigenen Prosa fortgeschrieben: ein westöstlicher Purgatorio.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Juni 2008


Manfred Häder & Danny Dziuk: Blues trifft Lied – 7. Juni 2008

„...Der Wahlberliner Dziuk, der in den neunziger Jahren einige erfolgreiche Songs schrieb, mit Wiglaf Droste mehrere Platten aufnahm und Filmmusiken komponierte, unter anderem für ‚Tatort‘, zaubert mit Boggie. Piano, ein bißchen Stampfen und einer Handvoll Riffs der Gitarre sofort Atmosphäre wie in einer verrauchten Jazzbar ... Das bleibt auch während des Solo-Auftritts von Manfred Häder so: 1967 gründete Häder die legendäre ‚Frankfurt City Blues Band‘, bis heute schüttelt der Traditionshüter geschmackvoll – ‚klassische‘ Bluesphrasen locker aus seiner E-Gitarre...“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2008