Doris L.
Plakat Krimimonat
Plakat 5 Jahre
Plakat Messeturm
Michael Hohmann
Romanfabrik Außenansicht
Auftritt Copland & Liebmann
Auftraitt Wondratschek
 

Die Gründung

Die Geschichte beginnt mit einer ebenso unglaublichen wie wahren Begebenheit. Nein, eigentlich mit einer Folge unglaublicher und wahrer Begebenheiten. Wie ein Roman eben. Die beteiligten Personen: ein Pelzdieb, Peter Z., beginnt im Knast zu schreiben. Eine erfolgreiche Cartoonistin, Doris L., verliebt sich in den Knacki. Ein Bordellbesitzer, Dieter E., verspricht, dem Knacki nach der Entlassung zu helfen. Richtet ihm tatsächlich eine Kellerkneipe ein.

Und im schönen Haus werden die Wohnungen renoviert für Autoren und anderes Künstlervolk. Dann stiftet der Bordellbesitzer gar einen Literaturpreis, und der Vierte im Bunde, Prof. Herbert H., Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gibt dem ganzen Projekt noch seinen Segen und macht den Jury-Vorsitz.

Dies geschah im Jahre 1985, zu einer Zeit, als es für Literaten und Künstler noch keinen festen Ort in Frankfurt gab und noch niemand an ein Literaturhaus dachte. Im Hessischen Schriftstellerverband wurde die Idee eines „Literatur-Ortes“ zwar immer wieder diskutiert, es fand sich aber kein Weg zur Realisierung. Dann wurden im Herbst des Jahres fast zeitgleich die Romanfabrik und das Literaturbüro aus der Taufe gehoben. „Romanfabrik“, so sollte das Haus in der Uhlandstraße im augenzwinkernden Selbstverständnis der Bewohner heißen, denn die Autoren wollten von dem Verkauf ihrer Produkte leben.

Und dies geschah im Frankfurter Ostend, damals eine von der Stadtplanung vernachlässigte Gegend. Das paßte gut als Heimat für „verrückte“ Roman-Fabrikanten. „Kulturfreunde“ gab es kaum in der Nachbarschaft, dafür die Pennerkneipe „Sonnemannshop“. So sollte auch der „Fabrikschreiberpreis“ eine Literatur fördern, die das Leben in seiner Vielfalt und seinen Widersprüchen zeigt und nicht nur um den Schreibtisch des Autors kreist.

Plakat Kinderliteratur-Strassengest

Zwischenspiel

Im Jahre 1998 zeichnete sich auch die sicherlich bedeutsamste Veränderung in der Geschichte der Romanfabrik ab. Der Mietvertrag für den Keller in der Uhlandstraße lief aus. Es ergab sich zu dieser Zeit ein Kontakt zu Ardi Goldman, Frankfurter Großinvestor. Er plante, das Gelände des ehemaligen Frankfurter Brauhauses auf der Hanauer Landstraße neu zu gestalten und hielt es für wünschenswert, dort auch einer Kultureinrichtung Platz zu bieten. Nach langem Nachdenken und zahlreichen Diskussionen im Vorstand und auf Mitgliederversammlungen entschloß sich der Verein Romanfabrik, das Wagnis einzugehen, den Umzug an diesen neuen Ort im Ostend zu wagen. Die Nachteile – Aufgabe des alten Standortes, größere Entfernung von der Stadtmitte – erhielten den Vorzügen gegenüber – größere und angemessenere Räumlichkeiten – letztlich das Nachsehen. Aber das Projekt „Union“ war noch im Bau, das heißt, der geplante Einzugstermin Herbst 1998 verzögerte sich mindestens um ein Jahr.

Die alten Räume waren gekündigt, die neuen noch nicht fertig. Hohmann und Lentes verlegten das Büro in ihre jeweiligen Privatwohnungen. Und zwei Off-Spielstätten waren auch bald gefunden. Michael Hohmann konnte die musikalischen Abende in der Aula der Frankfurter Akademie für Kommunikation und Design in der Ostparkstraße veranstalten. Und bei den literarischen Veranstaltungen griff einmal mehr Dieter Engel der Romanfabrik unter die Arme. Der Nachtclub „West-Östlicher Diwan“ in der Oskar von Miller-Straße mit seiner Stripteasebühne und den plüschigen roten Sofas bot den Autoren und dem literarisch interessierten Publikum erotisches Flair. (Der alte Keller der Romanfabrik übrigens ist die Literatur nicht ganz losgeworden. Engel eröffnete im Herbst 1999 dort seine Bar „Venusberg“, ein erotisches Bilderkabinett, in dem seitdem jeden Donnerstag Schauspieler erotische Texte lesen.)

Baustellendinner
Romanfabrik Innenansicht

Schlußbemerkung

Mittlerweile hat die Romanfabrik den Charme des Neuen fast verloren, es wird regelmäßig renoviert, erneuert und ergänzt, womöglich verbessert. Doch auf neue Gäste wirkt sie immer neu, ihre einmalige Architektur wurde beispielsweise mit einer eleganten japanischen Schuhschachtel verglichen. So wird ihre Bereitschaft, sich auch neuen Projekten zu widmen und neue Partnerschaften einzugehen durch ihre Besucher immer wieder angeregt. Ihre Nachbarschaft zu Autohäusern und Clubs ist nicht unproblematisch, doch auch in diesem Kontrast liegt das Leben, das auf ständige künstlerische Antwort wartet.

Die Romanfabrik hat in ihren zwanzig Jahren Zehntausende an Besuchern und Tausende Künstler und Autoren zu Gast gehabt. Die Presse begleitet unser Programm durchaus ausführlich – in den letzten Jahren hatten wir im Schnitt zu jeder Veranstaltung auch eine Besprechung. Bei allen Krisen hat die Romanfabrik in der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen zuverlässige Partner. Unseren Platz im Frankfurter Kulturleben haben wir gefunden. Aber nichts ist gegeben, wie die Wechsel der vergangenen Jahre belegen. Das Netzwerk zwischen öffentlicher Hand, Publikum, Künstlern und Presse muß stetig neu geknüpft werden. Als Ort der Begegnung und als Ort ständig neuer ästhetischer Erfahrung und damit Bereicherung bis hin zu neuen Erkenntnissen sollte sie noch mindestens weitere zwanzig Jahre dienen.

 
Peter Z.

Die ersten Jahre

In der Kellerkneipe fanden regelmäßig Lesungen, Autorengespräche und sonstige literarische Veranstaltungen statt. Das Programm wurde zunächst von den „Romanfabriklern“ gestaltet, auch den Betrieb der Kneipe übernahmen Zingler, Lerche und die anderen Autoren aus dem Haus. Daß dies bald Formen von Selbstausbeutung annahm, lag auf der Hand, denn jeder Künstler mußte ja schließlich auch noch an seinen Büchern und Bildern arbeiten. Es galt, Pressearbeit zu machen, das Programm zu planen und zu koordinieren. Programmhefte mußten gestaltet und verschickt werden, aus Hunderten von Manuskripten mußte der Preisträger ausgewählt werden. Neben Autorenhonoraren kamen auf diese außergewöhnliche Kulturinitiative noch Kosten für Organisation und Werbung zu. Und nebenbei mußte man sich immer wieder für den „anrüchigen“ Mäzen rechtfertigen.

Am 9. Oktober 1985 war der Verein „Romanfabrik e. V.“ gegründet worden, ganz ordentlich, trotz aller Vorbehalte gegenüber dieser angeblich typisch deutschen Form der Freizeitorganisation, mit Vorstand, Kassierer, Schriftführer und Kassenprüfern. Die Bilanz der ersten drei Monate war erschreckend, das Protokoll vermerkt einen „Überschuß der Ausgaben über die Einnahmen“ in fünfstelliger Höhe. Dies belegt, warum ein gemeinnütziger Verein vonnöten war: Ohne ihn gibt es keine Fördermittel, die Kosten mußten bis dahin durch private Kredite gedeckt werden. Gelder bei Stadt und Land waren zu beantragen, denn natürlich war die Romanfabrik — wie andere Kulturinitiativen auch — ohne öffentliche Förderung nicht überlebensfähig.

Nachdem im Oktober 1985 ein Antrag auf Förderung durch das Land Hessen abgelehnt worden war, konterte der Vereinsvorsitzende: „Der Verein fördert das kulturelle Leben Hessens ebenso wie viele andere von Ihnen unterstützte Träger.“ Im Januar 1986 wurde dann im Protokoll die freudige Nachricht vermerkt: Das Land Hessen wird die Romanfabrik im Jahr 1986 fördern. Die Stadt Frankfurt schloß sich dem an. Und beides ist bis heute so geblieben. Zumindest im Prinzip. Ebenfalls im Januar erhält die Romanfabrik die freudige Nachricht aus dem Stadtsteueramt, daß ihre Lesungen nach den Bestimmungen des Vergnügungssteuergesetzes als künstlerisch hochstehend und nicht vergnügungssteuerpflichtig sind. Anders sähe es da schon aus, würde die Romanfabrik einen Preisskat organisieren. Geholfen hat hier ein Amtsschreiben Hilmar Hoffmanns zur „Prädikatisierung“ der Lesungen.

Baustelle Union Gelände

Die neue Romanfabrik

Vom Investor gewollt, von Michael Landes geplant, wurden das Haus und die Räume der neuen Romanfabrik, mit den üblichen und bedrohlichen Verzögerungen doch noch fertig. Nach wiederholten heftigen Auseinandersetzungen mit der Bauleitung, die ihre wiederholt aufgestellten Terminpläne im nächsten Moment schon wieder verwarf, konnte der eigenverantwortliche Ausbau der Räumlichkeiten termingerecht mit allen Handwerkern durchgeführt werden.

Doch noch mitten im Rohbau, Anfang September 1999, fand ein bemerkenswertes „Fund-Raising-Dinner“ statt: Alte und neue Freunde der Romanfabrik nahmen die Einladung an, mit einem Scheck zu einem Essen in den Rohbau zu kommen. Es erwartete sie ein 5-Gänge-Menü, das auf einer mit Rosen geschmückten und mit Kandelabern ausgeleuchteten 12 m langen Tafel serviert wurde. Unter den musikalischen Klängen von Sara Musinowski, Christoph von Weitzel und den Vortragskünsten des Schauspielers Wolfram Koch blieb dieser Abend im noch fensterlosen Betonbau unvergessen. Gemeinsam mit der angehenden Innenarchitektin Susanne Aul wurde der Innenausbau vorangetrieben, mit viel Licht und eigens gebauten Tischen und Barhockern. An den letzten Tagen stolperten Handwerker der unterschiedlichsten Gewerke übereinander, die Haustechnik wurde gerade noch fertig, am letzten Tag wurden die Toiletten eingebaut, das Parkett roch noch nach Lack…

Am Samstag, den 9. Oktober 1999 war es dann soweit. Hunderte Gäste balancierten über Bohlen an von Regen gefüllten Baulöchern vorbei und stiegen die rote Granittreppe hinauf. Sie wurden von eleganten Damen und Herren in Rokkoko-Kostümen empfangen, die mal rezitierten, mal sangen, mal einen Begrüßungssekt anboten. Die „neue“ Romanfabrik wurde vor brechend vollem Haus mit einer Rede von Herbert Heckmann eröffnet. Es gab, neben kurzen Reden, wie im Leporello angekündigt von der Bühne, von der Galerie und aus dem Saal heraus „Gesang und Spiel und Tanz.“

Cartoon Gerhard Seyfried