Weibliches Schamhaar wird mittlerweile so selten, wie ein vom Aussterben bedrohtes Tier. Nach der Verdammung von Achsel- und Beinbehaarung ist nun auch an der Scham die totale Glatze angesagt. Eine Mode, der flächendeckend vor allem junge Frauen folgen, aber neuerdings gibt es auch immer mehr Männer, die sich ihren Brust- und Schamhaar-Schmuck restlos entfernen. Warum?
Schließlich ist das Schamhaar ja ein Zeichen von Reife. Früher, in der Pubertät, war es heiß ersehnt und wurde, als es endlich da war, heimlich rumgezeigt: Hier, das IST ein HAAR!!!, hurra ich bin erwachsen!
Bei Männern erklärt sich die neue Körperenthaarung wohl mit der steigenden Selbstverständlichkeit des Homosexuellen und dem Eingeständnis weiblicher Anteile. Wer wie ich, ein Leben lang in die Sauna geht, kann ungefähr bestimmen, wann der Kahlschlag begann. Vor etwa 25 Jahren sah ich die erste Totalrasur bei Frauen.
Gegen die Körperbehaarung kämpfen weibliche Schönheitsfreaks schon lange. Im letzten Jahrhundert, zwischen den Weltkriegen wurde es modern, die Achseln zu rasieren. Das hat nichts mit der Körperfunktion zu tun, denn die Schweißdrüsen arbeiten nach wie vor. Und ist es wirklich hygienischer? Gründlich gewaschen riechen die Achseln rasiert oder auch nicht, stets nach frischem Schweiß. Aber an diesen Stellen Haare zu zeigen, schien den prüden Amerikanern auch in Hollywood auf einmal zu provokant. Als der „Neue Deutsche Welle Star“ Nena vor 20 Jahren in London auftrat, waren der Presse „99 Luftballons“ weniger Text wert, als die schwarzen Haarbüschel, die frivol unter ihren Achseln hervorlugten.
Als Kind im Rheinland aufgewachsen erinnere ich mich an den passenden Spruch „Herrjöttche steh mir bei – unter de Arme hat se auch noch zwei.“ Damit wird die Männerphantasie klar beschrieben. Und Madonna, die ja nun auch nicht mehr so jung ist, pflegte als Teenie ihre Achseln NICHT zu rasieren um zu provozieren.
Das Beinhaar wurde etwa gleichzeitig zum Frauenfeind, weil es in den neuerfundenen Nylonstrümpfen plattgedrückt wurde und aussah, wie eine ungemähte Wiese. Dabei galt die weibliche Körperbehaarung früher und für viele gilt das heute noch, als Aphrodiasikum für Männerhirne. Als Buben suchten wir gierig im Schwimmbad nach Frauen, aus deren Schritt im Badeanzug vorwitzige Schamhärchen herausschauten und kriegten prompt rote Ohren.
Starker Bart-, Bein-, Achselbewuchs bei Frauen erweckte bei uns Jungs die Illusion eines riesengroßen „Bären“, wie wir das Schamhaardreieck ehrfürchtig nannten. In der klassischen Malerei des letzten Jahrtausends fehlte das Schamhaar stets, weil es zu erotisch gewirkt hätte, stattdessen gab es immer nur rosa Venushügel ohne weitere Details. Erst bei den früheren erotischen Fotos des späten 19. Jahrhunderts wurde durchaus Wert auf starken Schamhaarwuchs gelegt. So dicht, daß das eigentliche Geschlechtsteil unsichtbar blieb. Alles war nur bei sorgfältiger Nachsuche zu finden, während es sich heute dem Betrachter ohne Schamhaar geradezu protzend anbietet. Seht her, so seh ich aus! Neue Frauenpower? Oder warum rasieren sich immer mehr Frauen dort, wo die Natur die klare Durchsicht verhindert? Die westliche Kultur bewahrte das Schamhaar als gottgegeben im Gegensatz zu Moslems, deren Frauen sich schon immer intim rasieren. Gibt’s da Synergien? Kopftuch nein, Intimrasur ja?
Ich befragte etliche Frauen aus meiner Umgebung und bekam bei denen unter 35 sofort freimütige Antworten. Ja, sie rasieren sich, das sei sauberer, oder einfach so, oder, das macht man doch heute, oder, das machen alle meine Freundinnen, aber einen richtigen Grund wußte keine. Religiösität schlossen sie aus. Es sei halt „In“ oder „Kult“ war die häufigste Antwort.
Einige glaubten allerdings, ein paar Härchen müßten bleiben, damit es nicht aussieht wie ein Kindergeschlecht. Sonst käme man ja auf die Idee, der eigene Mann sei ein Kinderschänder. Bei den meisten begann die Rasierlust mit der „Bikinizone“ im Sommer, dann wurde es der „Irokesenschnitt“, später forderte der Freund mehr Glatze, der genau wissen wollte, auf was er sich „einließ“, oder es war die Freundin, die sagte, daß haarlos „total chic“ sei. Bei Charlotte Roches Romangestalt Helen war es ein Schwarzer, der sie, statt in die Bar, zu sich nach Hause zum Rasieren einlud. Für Männer keine schlechte Alternative, rasieren statt saufen, keine teuren Dinner mit Champagner und anschließender Disco mehr, sondern nur ein paar neue Rasierklingen, und man ist gleich da, wo man sowieso hin will.
Aber vielleicht ist alles auch nur Ergebnis einer geheimen Werbekampagne der Rasierklingen-Industrie, deren Kassen übervoll sein müssen! Frauen sind heute umworbene und begehrte Kunden, zumal die topdesignten Plastikrasierer und ihre Klingen ekelhaft teuer sind, die sich nur leisten kann, wer z.B. das Rauchen aufgibt. Rasieren statt rauchen, auch das könnte eine Werbeaktion gewesen sein.
© Peter Zingler