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Christoph Schröder
Mit dem Teckel zurück zum Start

Christoph Schröder

Eine Kollegin von mir hat Angst vor dem November. Sie hat Angst vor der Dunkelheit, Angst davor, sich vor lauter Angst zu Hause zu verkriechen und Schokolade zu essen und dicker zu werden. Angst davor, daß sie im März noch für den November büßen muß. Ich mag den November gern, also den November jedenfalls, den wir früher immer hatten, als wir im Oktober noch nicht mit freiem Oberkörper auf der Terrasse saßen. Ich mag den Nebel und die katholischen Feiertage, den Totensonntag und Allerseelen. Und wenn man Angst vor Einsamkeit hat, könnte man sich im November einen Hund gegen die Einsamkeit kaufen.

Ja, genau das werde ich tun — mir einen Hund kaufen, obwohl ich noch nicht einmal einsam bin. Nächste Woche, der ersten im November, fahre ich in die Gegend um Herborn herum und besuche eine ältere Dame, die am Telefon ganz reizend klang, einen breiten Westerwälder Dialekt sprach (mit englisch gerolltem „R“) und die seit mehr als zwanzig Jahren eine kleine Kaninchenteckelzucht betreibt. Der Kaninchenteckel ist ein vollwertiger Hund, nur eine Nummer kleiner. Aber Teckel bleibt Teckel, das heißt: er macht, was er will. Kürzlich sah ich eine Reportage über ein Dackelrennen; der hübscheste Hund kehrte nach wenigen Metern um und lief in Richtung Start zurück und dann immer weiter. So einen will ich auch. Das wäre beispielsweise eine schöne November-Beschäftigung, so ein Hund.

Man könnte auch (mit oder ohne Hund) in den Odenwald fahren und spazieren gehen und dann, im Trakl’schen Licht, in einer Gaststube einkehren, um Blut- und Leberwürste zu essen und diesem wunderbaren Odenwald-Dialekt (wiederum mit gerolltem „R“, aber anders) zu hören und gar nicht mehr nach Hause wollen, weil man in der Wärme wohlig müde wird. Und wenn man dann schon in die Stadt zurück muß, empfehle ich (nicht nur, weil dies der Romanfabrik-Kulturbrief ist!), zur Lesung von Katja Lange-Müller zu gehen, die, wenn schon nicht Buchpreis-Gewinnerin, so doch Buchpreis-Gewinnerin der Herzen ist. Ihr Roman „Böse Schafe“ ist nun nicht eben lustig zu nennen, aber dafür ist der November ja auch wirklich nicht gedacht. Eigentlich ist er ohnehin nur dafür gedacht, die Buchmessen-Grippe auszukurieren, aber dabei kann man es sich ja wenigstens so nett wie möglich machen.

© Christoph Schröder