Wenn Sie das lesen, sind Sie vermutlich längst auf die zehntausendstel Größe eines Pantoffeltierchens verkleinert, und zwar eines sehr kleinen Pantoffeltierchens. Oder Sie sind tot. Oder in der Hessen-CDU. Oder noch was Schlimmeres. Auf jeden Fall existiert das Leben, so wie Sie es vorher kannten, nicht mehr, denn Sie hocken in einem Schwarzen Loch. Wie’s da so ist, weiß keiner so genau. Vermutlich eng. Ganz sicher anders. Aber man weiß es nicht, nicht mal der große Tucholsky: „Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise.“ Das gilt vor allem für das Große Schwarze.
Und wer hat’s erfunden? Die Schweizer! Nahe Genf versuchen die Jungs und Mädels von der metrointellektuellen Space-Science-Posse Cern jetzt seit einigen Tagen, den Urknall zu simulieren – eine Aufgabe, den Schweiß der Edlen wert. Und schon geht das Genöle und Gepeste los: Bei so was, man wisse das doch, entstünden Schwarze Löcher, die Welt schmölze auf Kirschkerngröße, Weltuntergang, Zeter & Mordio. Alle klagen — ein paar sogar vor Gericht.
Diesen Kassandrarufern sei gesagt: Die Kolumbuseierköpfe von Cern waren immerhin auch die, die weiland das Internet erfunden haben. Und, hat damals jemand geplärrt: „Haltet ein, denn ihr wisset nicht, was ihr tut. Gräßliche Konzerne werden ihr Medusenhaupt erheben und sich die Welt untertan machen. Krethi und Plethi werden glauben, ihre Meinungen in eurem schändlich’ Werk kundtun zu müssen. Und wer die Hure Babylon anbeten will, der findet dort gut 42000 Hinweise in Schrift und Bild — und viele davon kann er nur mit Kreditkarte nutzen.“? Nein. Und ist es so gekommen? Neunmal nein. Im Gegenteil. Gibt man bei Google „Cern“ und „Weltuntergang“ ein, dann hat man nur 39900 Hits — mehr als 2000 weniger als bei der Hure Babylon. Na also. Die wissen schon, was sie tun.
Und selbst wenn nicht. Untergehen muß die Welt irgendwann so oder so. Und alle bisherigen Varianten (Komet, Klimakatastrophe, EU-Beitritt der Türkei) hatten weniger Charme als der, daß irre Wissenschaftler die Welt zerstören, weil sie versuchen, dem Herrgott die Show zu stehlen und in seiner Kernkompetenz, der Genesis, Paroli zu bieten. Denn wenn’s wirklich so kommt und die Welt rutscht koppheister ins Schwarze Loch und geht – klickeradoms – perdu, und es stellt sich post mortem raus: Da ist ja durchaus was dran mit dem Gerede vom Jüngsten Gericht — dann, ja dann müssen wir unserem Schöpfer nicht mehr auf Knien entgegenrobben, sondern können erhobenen Hauptes und auf Augenhöhe auf unser Ebenbild zugehen, ihm freundschaftlich die rechte Hand reichen, mit der linken einen Apfel zum Mund führen, herzhaft zubeißend und augenzwinkernd, wenn auch nicht schmatzend anmerken: „Siehste, Gevatter, was du kannst, das können wir schon lange.“
Und wem der vorangegangene Satz zu lang war: In einem schwarzen Loch würde der mit bloßem Auge keinesfalls nicht mehr erkennbar sein. Daß er seine Kleistsche Länge behalten hat, ist natürlich auch dadurch zu erklären, daß die Frühbucher von der Cern wegen irgendwelchen technischen Wehwechen die Weltvernichtungsmaschine erst einmal abgeschaltet haben. Es beibt der bittere Erkenntnisgewinn, daß wahnsinnige Wissenschaftler auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren.
© Stefan Behr