Oktober ist der Monat der Buchmesse. Die einen kommen nach Frankfurt, die anderen verlassen es fluchtartig, zum Beispiel ich. Letztes Jahr war ich in Rom, vorletztes Jahr war ich in Rußland, dieses Jahr haben wir unsere Wohnung in Frankfurt vorsorglich für die Buchmessenwoche vermietet. An einem Tag werde ich mir es erlauben, von der Wetterau aus zur Messe zu fahren, um dort, wie jedes Jahr, wenn ich in Hessen bin, ab zwölf Uhr mittags am Stand eines Südtiroler Verlegers mit diesem Wein zu trinken, bis Messeschluß. Ich habe das schon immer als das Sinnvollste erachtet, was man auf der Messe machen kann. Ich kann mich daran erinnern, wie ich Herrn Keul von der Zeitschrift Volltext an diesem Stand vor drei Jahren einmal völlig betrunken gemacht habe, es war unsere erste Begegnung. (Seitdem darf ich bei ihm eine Kolumne schreiben.)
Oktober ist auch der Monat der Buchpreisverleihung. Da gehen viele hin, die Verleihung findet am Anfang der Messe statt. Der Buchpreis ist ein Verkaufspreis. Wer ihn kriegt, verkauft Bücher und ist dann reich. (Ob das betreffende Buch auch gelesen wird, ist hierbei eine eher zu vernachlässigende Frage.) Eingeweihte gehen davon aus, daß es etwa dreitausend wirkliche Leser in Deutschland gibt (sie meinen damit Menschen, die lesen, weil sie lesen, und nicht weil ihnen eingeredet wurde, sie sollten lesen). Seit dem literarischen Quartett (das ist die Sendung, die mit dem Einreden begonnen hat) ist die Zahl der unwirklichen Leser erheblich gestiegen, man vermutet, sie liegt inzwischen bei etwa einhundertfünfzigtausend.
Oktober ist vor allem aber der Monat Peter Kurzecks. Dieses Jahr hat er das vierte Buch seines Erzählzyklus über Frankfurt im Jahr 1984 veröffentlicht. Der Zyklus heißt Das alte Jahrhundert, das neue Buch heißt Oktober und wer wir selbst sind. Es ist ein großartiges, wunderschönes, nie dagewesenes, einmaliges, völlig frei gefundenes, kompliziertes, einfaches, buntes, tiefes, ergreifendes, liebevolles etc. etc. etc. Buch, natürlich das große Buch des Jahres, so wie Peter Kurzeck immer mehr der Autor dieser Epoche und vielleicht sogar meines gegenwärtigen Lebens wird, aber das Buch Oktober und wer wir selbst sind steht natürlich (siehe Kriterien in Absatz zwei) nicht einmal auf der Langliste des im Oktober zu vergebenen Bücherpreises auf der Frankfurter Oktoberbuchmesse. Wodurch die Frage, wer wir (das Publikum) selbst sind, fast schon mal wieder beantwortet wäre in diesem Oktober.
© Andreas Maier