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Felicitas Hoppe
Zur Goldenen Fünfzehn

Felicitas Hoppe

Hier schreibt kein Kästnerfan.

Aber seit ich nach über zwanzig Jahren Berlin endlich in Mitte unweit der Friedrichstraße neben dem Deutschen Theater in der Schumannstraße 15 gelandet bin, liegt der Zweitschlüssel zu meiner Wohnung im EMIL, einem winzigen Lokal im Keller des Hauses, das einmal, so berichtet der Wirt beim Verzehr der Getränke, den glanzvollen Namen ZUR GOLDENEN FÜNFZEHN trug. Dort spielen bis heute zwischen Glasvitrinen voller Kästner-Devotionalien und gegen jede polizeiliche Verordnung stark rauchende ältere Damen kämpferisch Skat.

Ob Kästner Karten spielte, weiß ich nicht, aber er rauchte und trank, auch der Wirt raucht und trinkt, auch die Schauspieler rauchen und trinken, und der Psychopath in der Wohnung unter mir, der seit 30 Jahren das Haus regiert und in Sommernächten aus dem Fenster auf die Köpfe der Gäste des EMIL spuckt, weil er keine Gesellschaft erträgt, raucht und trinkt für uns alle zusammen. Hier herrscht das Gesetz des alten Ostens, die Luft ist dick, also rauche und trinke ich mit.

Meine Vormieterin, eine Astrologin, mit der der Spuckende kurzen Prozess gemacht hat, weil sie vermutlich weder rauchte noch trank und als Fisch sowieso zu empfindsam ist, floh meine Wohnung mit dem tröstlichen Hinweis, hier sei, weil ich angeblich Schriftstellerin bin, mein wahres Zuhause. Denn hier habe Kästner persönlich gewohnt und nachts seinen großen EMIL geschrieben, während er tagsüber am Theater verdiente. Ich zog also ein.

Ob Kästner tatsächlich hier gewohnt hat oder ob es nur seine Großmutter war, wird sich historisch kaum klären lassen. Eine verlässliche Tafel am Haus, die das behördlich bestätigen könnte, ist nirgends zu sehen. Aber wenn ich im Sommer bei offenem Fenster in meinem Arbeitszimmer nach vorne raus sitze, lausche ich gern den literarischen Führern, die unsere große Stadt beradeln, die Orte großen Schaffens beschreiben und im Schlepptau ihren Gästen auf Rädern wortreich erläutern, warum dieser Ort historisch ist.

Dem ist nichts entgegen zu setzen, denn selbstverständlich ist dieser Ort historisch. Das ist auch ohne Tafel verbürgt, weil man bei Kästner nachlesen kann, dass nicht ich, sondern nur Pony Hütchen in der Schumannstraße 15 gelebt hat, dass sie den besten Kaffee kochte und Schnitten schmierte, von denen Detektive nur träumen. Aber wenn die langen und hungrigen Nächte kommen, weiß ich, PONY HÜTCHEN bin ich, Leben und Werk in einer Person, die große goldene Summe: Die Schnitte, der Schnaps und das Bett nebenan, aufwärts gerechnet: DIE GOLDENE FÜNFZEHN.

© Felicitas Hoppe