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Jo van Nelsen
Wenn Mohren im Morast waten...

Jo van Nelsen

Na, Gott sei Dank! Endlich ist sie vorbei! Die Open-Air-Straßenfest-City-Beach-Party-Zeit! Was haben wir uns zwangsgutgelaunt in den letzten Wochen den Arsch abgefroren, festgeklammert an einen vom Dauerregen verwässerten Caipirinha und unseren zähneklappernden Freunden versichert, daß wir „ganz ganz viel Spaß haben“…

Wann lernen wir Deutschen endlich, daß unser Land einfach definitiv näher an Norwegen als an Südafrika liegt? Und daß die Klimakatastrophe sich eben auch aufs Sozial- und Kulturleben eines Landes auswirkt?

Es ist schon unfreiwillig komisch, wenn „Othello, der Mohr von Venedig“ auf deutschen Open-Air-Bühnen permanent im Wasser steht und seine braune Schminke vor sturzbachartigen Regengüssen retten muß. Oder wenn Revival-Bands bei Offenluft-Veranstaltungen (wie eine rührige Frankfurter Bühne das in schöner Eigenwilligkeit nennt) sich als Voodoo-Zauberer geben und ihre Fans von der drohenden Gewitterfront mit einem zweckoptimistischen „Let The Sunshine In“ ablenken.

Das größte Rätsel sind mir allerdings die Besucher dieser verregneten Open-Air-Survival-Trainings: Worin liegt der besondere Reiz, sich einen Filmklassiker bei gefühlten Minus-Temperaturen und Sturmwarnung in einem zweckentfremdeten Schwimmbad anzuschauen, wenn man dasselbe gemütlich in eine Decke eingekuschelt zuhause auf dem Sofa tun kann? Warum wird Theater erst schön, wenn man es auf Plastikhartschalensitzen und unter einer Regenhaut durchleiden muß? Ist das sowas wie ein Gemeinschaft schaffendes Pfadfindererlebnis, dieses „Wir-lagen-bei-Madagaskar-und-hatten-
die-Pest-an-Bord“-Gefühl, das uns vor uns selbst stramm stehen läßt? Woher kommt diese Angst, sich als Warmduscher zu outen, wenn man bei den ersten Regentropfen sich aus seinem unüberdachten Sitz erhebt und gen Ausgang stiehlt? Warum erträgt man es nicht stolzen Hauptes, daß dann keiner mehr auf Othello schaut, sondern alle auf den Regenhautverweigerer, den Mückenvernichter, den Sofapupser, den Dicke-Wollsocken-Träger, der sich da verschämt seiner Pflicht als Open-Air-Crocodile-Dundee entzieht? So what???

Wahrscheinlich erledigt sich das Problem ohnehin von selbst. Denn ein Open-Air-Veranstalter muß dieses Jahr schon über eine ausgesprochen dicke Finanzdecke verfügt haben, um die Einbußen dieses Jahrhundertsommertiefs auszugleichen. Die Dramatische Bühne war die erste, die sich vor einigen Wochen öffentlich zu ihrem ganz persönlichen Drama bekannte und jetzt auf die Rettung mittels städtischer Notgroschen hofft. Und dieser moralischen Pflicht sollte die Stadt Frankfurt auch nachkommen – denn ohne all die kleinen motivierten Veranstalter wäre der Frankfurter Sommer nicht nur witterungsmäßig sondern auch kulturell nicht vorhanden gewesen. Hoffen wir aufs nächste Jahr, dann vielleicht mit Spontan-Park-Happenings zwischen Krokussen im April – denn da war´s wenigstens richtig heiß!

© Jo van Nelsen