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Richard de Bury
Von den Büchern

Richard de Bury

Die Bücher entzücken uns, wenn uns das Glück lacht, sie trösten uns, wenn uns das Unglück zu quälen scheint. Sie bekräftigen menschliche Abmachungen und Bräuche, und ohne sie wird nicht ernsthaft Recht gesprochen. Künste und Wissenschaften wohnen in den Büchern, und kein Geist kann sagen, welchen Nutzen er aus ihnen allen zu ziehen vermag. Wie hoch muß man die wunderbare Macht der Bücher schätzen, da wir durch sie sowohl die Grenzen der Erde als auch der Zeit unterscheiden können. Wir betrachten in ihnen, wie in einem Spiegel der Ewigkeit, die Dinge, die sind, und die Dinge, die nicht sind. In Büchern erkennen wir die Arten der Fische, die zahlreicher sind als die der Vögel. Aus Büchern lernen wir Quellen, Flüsse und Landschaften im einzelnen kennen. Durch Bücher unterscheiden wir die verschiedenen Metalle und kostbaren Steine und erfahren Stoff und Wesen jedes Minerals. Wir lernen die Natur der Pflanzen, der Bäume und Kräuter kennen sowie der ganze Sippe des Neptun, des Ceres und des Pluto. Gefällt es uns, die Bewohner des Firmaments zu besuchen, so bringen wir uns den Tauros, den Kaukasus und den Olymp mit Hilfe der Bücher herbei. Wir versetzen uns in das Reich der Juno und messen mit Hilfe von Faden und Zirkel die Territorien der sieben Planeten. So gelangen wir an das letzte Firmament, das herrlich im Schmuck der Zeichen, Grade und Bilder erscheint, entdecken den südlichen Pol, den kein Auge je gesehen, kein Ohr gehört hat, und bewundern verzückt die leuchtende Bahn der Milchstraße und den in himmlischen Tieren gemalten Zodiak. Mit Hilfe der Bücher nähern wir uns den körperlosen Wesenheiten und höheren Intelligenzen, und mit dem Auge des Geistes erkennen wir die Causa Prima und den Unbewegten Beweger, dem wir uns hingeben in einem Liebesakt ohne Ende ... Durch die Bücher kommunizieren wir mit dem Freund und dem Feinde ... Das Buch hat Zugang zu den Kammern der Mächtigen, wo sonst die Stimme ihres Autors kein Gehör fände. Wenn wir in Ketten gelegt und der Freiheit des Leibes beraubt sind, bedienen wir uns der Bücher als Botschafter an unsere Freunde, um Hilfe von ihnen zu erbitten und sie zu warnen ... Was mehr noch? Bei Seneca haben wir gelesen, daß ein Leben ohne Bücher der Tod und das Grab des lebenden Menschen ist. Also ist die Beschäftigung mit den Büchern das Leben des Menschen.

aus Philobiblion (1344)