Die Trennung von den althergebrachten Quellen mystischer Erfahrung – dem Gottesdienst, der Meditation, dem Extrem-Ski-Wochenende — macht es heute notwendig, das Kosmische im Alltag aufzusuchen, in die kleinsten Momente des täglichen Lebens das Licht der Erlösung scheinen zu lassen. Bei einem sonntäglichen Frühlingsspaziergang durchs Ostend vermag man eine Vielzahl solcher Epiphanien zu erleben. So wurde ich vor wenigen Tagen Zeuge, wie eine resolute, der Tonlage nach akademisch vorbelastete, jedoch äußerst nachlässig gekleidete Dame energisch durch die Gegensprechanlage mit ihrem Nachbarn verhandelte. Es ging natürlich um Lärm. Die Dame war der Ansicht, sie könne, wiewohl auf dem Nachbargrundstück einquartiert, deutlich „das Klopfen“ hören, das aus dem inkriminierten Haushalt dringe. Den Einwand Ihres Gesprächspartners, er sei nun einmal am Vortag eingezogen, Geräusche, welche die Montage unverzichtbarer Möbel wie die eines Bettes traditionell erzeugten, seien da unvermeidbar, ließ die Dame nicht gelten. Entgegnete vielmehr, unbeirrt und erfahrungssatt: „Wissen Sie, heute ziehen Leute ein, morgen ziehen Leute aus, das ist ein endloser Kreislauf.“
Apotheosis! Weht nicht der Atem der Äonen durch diese Worte? In tiefe Wesensschau versunken, hockt die Dame tagaus, tagein, in Ihrer Wohnung, sieht Einzug und Auszug von Familien, Aufstieg und Fall ganzer Zivilisationen, sieht Saurierherden an sich vorbeiziehen und schon in der grimmen Kälte der nächsten Eiszeit vergehen; sie sieht das Universum, einem pumpenden Herzen gleich, sich zusammenziehen und im nächsten Urknall mit einem Rumms wieder explodieren. Der Lärm bei alldem geht ihr natürlich auf die Nerven.
Auch in der mystischen Tradition der Gnostiker steht am Anfang der Welt die sigé, ein Äon des Schweigens. Aber so beschaulich bleibt es natürlich nicht lange, die Handwerker der Schöpfung ziehen ein und machen einen Radau, daß die Heide bebt! Erst durch allerlei spirituelle Reinigungstechniken kann der Mensch später zum ursprünglichen Schweigen zurückkehren — das Tachelesreden durch die Gegensprechanlage ist sicherlich nicht das unvornehmste Mittel zur Transzendenz.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg — gehört der Lärm nun mal zu unserem materiellen Universum und damit auch zur Stadt, und wer in der Stadt lebt, sollte lernen, ihn zu genießen. Unerwähnt blieb nämlich bisher, daß in unmittelbarer Nachbarschaft der Gnostikerresidenz mittlerweile zwei (!) Großbaustellen Tag und Nacht das Schweigen erschüttern. Aber ich werde den Teufel tun und mich beschweren! Nur das romantische Vorurteil und die kulturelle Prägung bringen uns dazu, das Getöse, welches Wind, Wetter und die ganze Vogelschar auf dem Lande veranstalten, nicht als entnervenden Krach, sondern als „Atmosphäre“ zu goutieren. Sind die Geräusche, Sandstrahler und Preßlufthammer nicht Zeichen naturidentischer, ja frühlingshafter Vorgänge? Wir gehen hinaus, und die Stadt ist wunderbar verwandelt! Wo gestern eine Baracke, eine Schottergrube waren, sind heute „Lofts am Park“, wo gestern eine scheußliche Kaufhausfassade war, ist heute eine Myzeil. Maizeil vielmehr! Gehen Sie mal hinein und begrüßen Sie den Frühling, indem Sie da ordentlich Krach machen! Das Universum wird sich sicher irgendwann bei Ihnen revanchieren.
© Leo Fischer