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Herbert Heckmann
Die Völlerei

Ein Dämon mit Löffelohren, einem Gabelgebiß, einer messerscharfen Nase und einem tellergroßen Kinn. Die Augen sind von Fett eingedämmt. Der kannenschlanke Hals wächst aus dem fassbreiten Rumpf und birgt einen Adamsapfel von der Größe eines mittleren Kürbisses. Er ist mit einer Art Zwiebelschalen bekleidet und mit Knoblauch umgürtet. Seine Haut hat die Farbe eines gut gerösteten Ferkels. Sein dicklippiges Maul steht lüstern offen und fasst in einem einzigen Zubiß gut einen gefüllten Kohl, wenn nicht gar einen knusprigen Hahn. Sein Atem gleicht den Duftschwaden einer gut gewürzten Suppe. Die Brust nähert sich matronenhafter Fülle und wippt im Takt der Schritte. Jedoch ist seine Stimme im tiefen Baß angesiedelt und kommt meist als Hungerschrei hervor. Um den Hals trägt er getrocknete Gewürze und zierliche Pfefferschoten. Die Arme, nicht muskulös, sondern wohl genährt, enden in nicht sehr zarten Pranken, die Gabel und Messer zu schwingen wissen, sonst jedoch eher ungelenk sind. Die Beine sind zwei Tönnchen eigener Art. Das DING besitzt Majestät, es ist ein unerschöpfliches Kränlein, ein nimmermüder Zapfhahn, ein weitbogiger Tausendsassa und Hansguckindieluft.

Er ist durchweg fettleibig und muß, um seinem Körper Nachdruck zu verschaffen, ständig essen: Dabei hat er keine bestimmten Prädilektionen, er frisst, was ihm zwischen die Zähne kommt, und grimassiert von der Stirn bis zum Bauchnabel beim Kauen, schnalzt nach jedem Happen mit der Zunge, schmatzt, schnauft, und Ströme von Fett furchen sein Kinn.

In diesen nicht seltenen Augenblicken des Genusses kommt sein ganzer Leib ins Schwingen. Seine vorzügliche Verdauung, die nur die Quintessenz aus den Bissen herauszieht, hält den Hunger wach. Er schwört nicht, es sei denn, er ist satt, da er aber nie satt ist, schwört er nie. Das gleiche gilt für das Denken. Er kennt die Welt nur mittels der Zunge.

Er ist nicht Fisch, noch Fleisch, nicht Vogel, noch Kraut, noch Wein: Er ist alles auf einmal.

(©  Herbert Heckmann: Die sieben Todsünden. Darmstadt, Roether, 1964. In diesem Band stellt der Autor seinen sieben Erzählungen entsprechende Charakterstudien über die Todsünden voran, die als den Menschen heimsuchende Dämonen geschildert sind.)

Herbert Heckmann (1930-1999) wirkte als Germanist, Autor und Hochschullehrer. Er war lange Jahre Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und einige Jahre im Vorstand der Romanfabrik tätig.