Leipzig, März 2002. Badezimmerspiegel: Fenster zur Seele? Der Mann, den ich da anstarre wie das Karnickel die Schlange, sieht aus wie ich, und doch (bzw. genau deshalb?) kommt er mir zutiefst bedrohlich vor. Jetzt schon, Stunden vor dem Auftritt. Das Hotel kann die Hölle sein: Was, frage ich den Mann im Spiegel, wenn du – später, auf der Messe – laufend stotterst? Was, wenn du, wie damals in der dritten Klasse, beim Vorlesen diese schlimme Zweiteilung erlebst – der eine macht alles falsch, der andere sitzt ohnmächtig daneben? Wenn du auf die Fragen des Interviewers vollkommen unverständliches Zeug antwortest, quasi faselst? Was, wenn du nicht mal mehr das, sondern nur noch heiße Luft ausatmest? Und wenn auch das nicht mehr? Wenn Herzflimmern, Extrasystolen* kein Ende nehmen?
Na und? Das wär’ ja so ’ne Art Heldentod. Das Schlimmste wäre vielmehr, wenn ich ohnmächtig würde. Peinlicher ginge es ja nicht. Außer, wenn ich selbst zum Ohnmächtigwerden zu feige wäre und einfach von der Bühne flöhe. Vielleicht noch so was wie „Ich kann nicht“ ächzend, die flatternden Finger an der feuchten Stirn.
1,0 mg Tavor. Hat ja selbst schon dem einen oder anderen Politiker gute Dienste geleistet. Das heißt… — Gott, bloß raus aus dem Badezimmer.
Im Taxi „Alle meine Entchen“ vor mich hin gesummt.
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Schreiben, das ist eine Binsenweisheit, ist ein einsames Geschäft. Manche Schriftsteller haben es sich womöglich genau deswegen ausgesucht, oder es drängte sich ihnen genau deswegen auf. Und wenn nicht genau deswegen, dann unter anderem. Jedenfalls ist Einsamkeit eine Bedingung des Schreibens, für den einen Schriftsteller eine angenehme, für den anderen eine unvermeidliche; eine gewollte für den einen, für den anderen eine erlittene; eine segensreiche oder furchtbare. Für mich ist sie angenehm, gewollt und segensreich.
Anscheinend kann ich mich aber nicht mit dem bloßen Schreiben begnügen, sondern es drängt mich, das Geschriebene auch noch zu veröffentlichen. Und das ist die erste Bedingung fürs Lampenfieber (bzw. für diese spezielle Form von Psychose). Welches natürlich die gerechte Strafe ist: Wer vor der Welt flieht, um zu schreiben, und dann dahin zurückkehrt, um es vorzulesen, der hat einen Knall – und also selber Schuld.
Die Therapie gegen diese psychotische Form des Lampenfiebers, diese Zweiteilung und so, lautet übrigens (das habe ich inzwischen herausgefunden): Zweiteilung. Aber vorher! Schick den Mann im Spiegel in die Welt! Was er vorliest, hat ja nichts mit ihm zu tun, sondern einzig und allein mit dir. Ihm macht das Spaß.
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* Herzschläge außerhalb des regelmäßigen Herzschlags; Anm. d. Red.
© Frank Schulz