Ich bin kein Sammler, und ich archiviere fast nichts. Ich habe keine Neigung, mich mit den schriftlichen und den Bildhinterlassenschaften des Lebens zu beschweren. Photos aus meiner Jugend und meiner Studentenzeit besitze ich nicht mehr, Urkunden und Zeugnisse sind weitgehend verschollen, Seminararbeiten und ähnliches habe ich dem Zellulosekreislauf überantwortet.
Ich habe nie Tagebuch geführt, nie eine Gesprächsnotiz angelegt, und ich habe bislang für keines meiner Bücher ein Konzept entworfen, das mehr als ein paar Stichworte umfaßt hätte. Ob das meinen Büchern zum Vor- oder Nachteil gereicht, müssen andere entscheiden.
Das eine oder andere Buch von mir indes nährt sich – ob zu seinem Vor- oder Nachteil – von einer womöglich pathologisch passioniert zusammengetragenen Menge an bewußt penibel nachgewiesenen Materialschnipseln aus den Schauderzonen der verjauchten Presse- und Fernsehwelt. Nach Fertigstellung eines Manuskripts haue ich den Unflat stets in die Altpapiertonne, denn, wie gesagt, ich bin kein Archivar. Und den kathartischen Effekt dieses Aktes schätze ich durchaus.
Mein, wer weiß, protestantisch karges, ja karstiges Verhältnis zu den Dokumenten hat auch Nachteile. Mehrere Anfragen von klugen und scharfen Germanistikstudentinnen, die baten, Einsicht in meine Leitzordner nehmen zu dürfen, mußte ich abschlägig bescheiden – es existieren keine Leitzordner. Und als ich im Dezember 1999 im ehrwürdigen Frankfurter Café Laumer mit dem Hamburger Lachanwalt Joachim Kersten und dem Verleger Gerd Haffmans bei Bockwurst und Bier zirka achtzehn Stunden lang zusammensaß und wir das fertig gesetzte, vom Haffmans-Hausadvokat Kersten als komplett justitiabel eingestufte Buch Verona Feldbusch – Roman eines Lebens durchackerten, um Kerstens Einwände betreffs schwerster persönlichkeitsrechtlicher Verletzungen zu entkräften, sah ich nicht selten schlecht aus, weil ich all die Originalbelege, die meine im Buch nicht gerade spärlich gesäten Sottisen gestützt hätten, aus Wegwerfsucht vernichtet hatte.
Gerd Haffmans, über dessen Geschäftsgebaren zu Recht vielerlei äußerst ungünstige Geschichten im Umlauf waren (und sind), war, das muß ich sagen, großartig. Er verteidigte meinen Text gegenüber dem in Sachen Feldbusch-Saubrummereien ziemlich, nein: komplett ahnungslosen Kersten mit Messer, Gabel und Zähnen, so daß das Buch schließlich nahezu ungeschoren erscheinen konnte. Das werde ich Gerd Haffmans noch in einunddreißig Jahren hoch anrechnen. Und mir möchte ich dann hier doch ausgesprochen edelmütig gutschreiben, daß ich, wie meine einzige Arbeitsmappe – eine Klarsichthülle, in der einige beschriftete Bierdeckelfetzen und verschmutzte Zettel herumfläzen – verrät, bis dato die geplanten Großzeitungsessays „Was macht eigentlich die Hypertexttheorie?“ und „Die neue Ernsthaftigkeit“ nicht angepackt habe.
Die diesbezüglichen Vorhabensvermerke, ich bin mein Zeuge, sind just vollkant und ergo unwiderruflich weggeschmissen worden.
Na also.
© Jürgen Roth